Das Thema über was in den Medien in den letzten Tagen am häufigsten berichtet wurde, ist die Schweinegrippe. Viel gibt es dazu eigentlich nicht zu sagen. Es ist eine virale Erkrankung, die eigentlich nur bei Schweinen durch eine Infektion mit Influenza ausgelöst wird. Das Neue ist lediglich, dass das Ganze jetzt auch beim Menschen auftritt. Als Wächter von Recht und Ordnung haben die Medien natürlich sofort Alarmstufe Rot ausgerufen und berichten daher Tag und Nacht über die aktuellen Geschehnisse. Das die Schweingrippe aber im Grunde für die meisten Leute recht ungefährlich ist, dass interessiert die Wenigsten.
Für wen besteht überhaupt ein Risiko?
Ein ernsthaftes Risiko besteht nur für solche Personen, die ein schwaches Immunsystem haben. Meist sind daher bei Grippeinfektionen vor allem der jüngere und der ältere Teil der Bevölkerung betroffen, bei der Schweinegrippe jedoch vor allem der jüngere Bevölkerungsanteil. Was beachtet werden sollte: Der Krisenherd der Schweinegrippe befindet sich in Schwellenländern. In diesen gibt es keine so gute ärztliche Versorgung wie in einer Industrienation wie Deutschland. Gehört man also zu keiner Risikogruppe sollte man sich eigentlich sehr sicher fühlen.
Warum der Hype?
Nichtsdestotrotz braucht das Volk mal wieder etwas worüber es reden kann und - man kann es ja auch so sehen - die Medien richten sich nach der Nachfrage. Eine interessante Möglichkeit die Entwicklung diesen Medien-Hypes mitzuverfolgen bietet sich durch Google an. Wie bereits bekannt sein dürfte wurde Google schon in der Vergangenheit genutzt, um Aussagen über die Verläufe von Epidemien zu machen. Dabei müssen einfach die Suchanfragen für die relevanten Keywords gezählt werden. Umso mehr Suchanfragen aufkommen, desto verbreiteter ist eine Krankheit.
Krankheitsverläufe mit Google modellieren?
Man selbst kann jedoch eine vereinfachte Form dieser Bestimmungsmöglichkeit nutzen: Durch Google Trends werden die aktuell beliebtesten Suchterme für die USA aufgeführt. Man muss nun einfach alle 100 Einträge nach den jeweiligen Stichwörtern durchsuchen und schon hat man einen Eindruck dafür, wie populär ein Thema ist. Bezogen auf Krankheiten muss die Suchhäufigkeit nicht unbedingt mit der Krankheitsverbreitung korrelieren: Denn die Medien üben einen starken Einfluss auf das Suchaufkommen aus. Die Zahl rechts in Klammern gibt dabei jeweils die Position an, auf welcher die Suchanfrage bei Google Trends gelistet worden ist.
Meine Ergebnisse
Beim Durchsuchen nach den verschiedenen Schlüsselwörtern bezüglich der Schweinegrippe kam ich auf folgendes Ergebnis:
- swine flu maryland (2)
- pandemic level 5 (5)
- swine flu level 5 (7)
- imminent (8)
- world health organization (10)
- who pandemic phases (29)
- swine flu san jose (32)
- what states have swine flu (44)
- pandemic definition (46)
- who alert levels (47)
- swine flu rhode island (50)
- pandemic imminent (51)
- swine flu school closings (52)
- swine flu in el paso (60)
- who level 6 (62)
- pandemic preparedness plan (65)
- pandemic vs epidemic (75)
- pandemic flu (88)
- swine flu new orleans (89)
- pandemic alert (91)
- kane county health department (94)
- swine flu columbus ohio (95)
- swine flu austin tx (98)
Auswertung
Wir haben also 23 Treffer gefunden. Damit liegt der prozentuale Anteil der Suchanfragen, welche in Bezug zur Schweinegrippe stehen in den USA etwa bei 23% der gesamten Suchanfragen.
Die beliebteste Suchanfrage ist dabei “Schweinegrippe + X”. Die Leute haben irgendeinen Bericht gehört, in dem das Wort Schweinegrippe vorkommt. Weil dieses Wort sich schon eingeprägt hat wird dann natürlich sofort nach weiteren Informationen gesucht. X ist dabei in der Regel eine Ortsangabe. “Ist die Schweinegrippe schon in meinem Ort angekommen?” ist beispielsweise eine Frage, die sich ein besorgter Bürger stellen könnte. Nach den Resultaten auch möglich ist folgender Gedanke eines Schülers: “Morgen habe ich keine Lust zur Schule zu gehen… mal schauen, vielleicht hat ja die Schweinegrippe zugeschlagen und die Schule ist gesperrt worden!”.
Die nächsthäufigen Suchergebnise bezüglich der Schweinegrippe sind indirekte Treffer. Sie stehen lediglich in Bezug zur allgemeinen Thematik. Beispiele hierfür sind die Suchen nach Fremdwörtern. Sehr häufig wird - wie auffällt - nach den Wörtern “Pandemie” und “Epidemie” gesucht. Auch hier wurde das ganze mit hoher Wahrscheinlichkeit durch die Medien forciert: Die Berichterstattung nutzt Fach- bzw. Fremdwörter, erklärt diese jedoch nicht, so dass auf das Medium Internet ausgewichen werden muss.
Was sind Pandemie, Epidemie und Endemie?
Damit ich nicht jetzt die nächste Suchwelle lostrete, definiere ich die beiden Begriffe einmal kurz: Mit dem Begriff “Pandemie” bezeichnet man das gehäufte Auftreten einer Erkrankung über die Landes- oder Kontinentgrenzen hinaus. Mit der Bezeichnung “Epidemie”, im Volksmund auch Seuche, fasst man ein gehäuftes räumliches und zeitliches Auftreten einer Erkrankung zusammen. Es wird dabei ein eingeschränkter Raum betrachtet, wie beispielsweise das Lebensgebiet einer Population.
Das Gegenstück zur Epidemie ist die Endemie: hier treten die Krankheitserscheinungen nur in einem räumlich begrenzten Bereich auf. Im Gegensatz zu Epidemie, kann sich also eine Endemie nie zu einer Pandemie entwickeln.
Nach diesem Abstecher in die Terminologie der Biologie zurück zum Thema:
Welche Suchbegriffe gibt es noch?
Es gibt noch weitere Fachbegriffe, nach denen häufiger gesucht worden ist. Dazu gehört unter anderem die Suche nach dem “alert level” oder auch “pandemic level”. Häufig wird auch noch die Zahl 5 in diesem Kontext angegeben. Was sollen uns diese Suchanfragen sagen? Ich habe recherchiert und bin darauf gestoßen, dass mit diesen Queries anscheinend Bezug genommen wird auf den Pandemic Severity Index (PSI). Dies ist ein Index der Aussage darüber trifft, wie schlimm es um eine Pandemie steht. Die Zahl 5 ist hierbei von wichtiger Bedeutung: Denn ein PSI von 5 ist die maximal erreichbare Stufe und bedeutet, dass eine Pandemie etwa auf der Stufe der spanischen Grippe steht, so dass alle möglichen Maßnahmen zur Bekämpfung der Krankheit ergriffen werden müssen.
Was kann man aus den Suchanfragen lernen?
Durch die Suchanfragen kann man lernen, welche Bedeutung die Medien in unserer Gesellschaft spielen. Denn nur durch die tägliche Präsenz in den Medien, so dass man immer wieder mit demselben Thema konfrontiert wird, ist es möglich ein solches Suchaufkommen zu erzielen. Man kann also erkennen, welche Macht die Medien haben. Dies sollte einen zum Nachdenken bringen. Denn mit Macht kommt auch die Möglichkeit der Beeinflussung. Zudem wird - wie ich finde - der Verantwortung dieser Macht oft nicht nachgekommen. Anstatt objektiv über ein Thema zu berichten, springen viele Journalisten lieber auf einen Zug auf, um gute “Quoten” zu erreichen. Gute Recherche rückt dabei in den Hintergrund und nur noch der Schein zählt: Hauptsache man weicht nicht von der Meinung der Masse ab. Ob dabei dann noch viel Wissen vermittelt wird? Ich glaube nicht!
Es besteht noch Hoffnung
Was man jedoch noch zum Lob der deutschen Journalisten muss: im Vergleich zu den USA ist Deutschland noch im Presse-Himmel. Denn dort wird der Medienrummel auf die Spitze getrieben. Bei den Mainstream-Medien geht es nicht mehr um die Informationen an sich, sondern nur noch um die Emotionen, welche diese auslösen. Durch Erzeugen von Massenpaniken bleibt das Interesse an den Nachrichten groß, so dass die Quoten und Verkaufszahlen über einen langen Zeitraum konstant oben bleiben. So versuchen sich dann viele Journalisten von Panikwelle zu Panikwelle zu hangeln. Ein Trend, der auch in Deutschland seit geraumer Zeit zu erkennen ist und immer mehr zunimmt.
Mein Appell an euch
Ob man einen Artikel auf einem Blog liest oder einen Beitrag im Fernsehen sieht: Man sollte sich immer über das Gedanken machen was erzählt wird. Wichtig ist, dass man seinen Menschenverstand nutzt und sich nicht berieseln lässt. Denn wer mitdenkt, dem fallen bei vielen Sachen schnell Ungereimtheiten auf. Die Korrektheit von Informationen sollte also mehr hinterfragt werden.
Genauso wichtig ist es, sich Gedanken darüber zu machen, welchen Zweck ein Artikel oder eine Sendung hat: Zu was will der Autor mich bewegen? Wie wichtig sind die Informationen? Oder geht es mehr darum, eine bestimmte Reaktion auszulösen? Weswegen könnte man eine bestimmte Reaktion als wünschenswert ansehen? Wie sieht meine eigene Position zum Thema aus?
Man sollte also versuchen, die Medien reflektierter zu betrachten und die Dinge zu hinterfragen. Ansonsten wird es in fünf Jahren in Deutschland genauso aussehen wie in den USA, wo qualitativ hochwertiger Journalismus mit den Füßen getreten wird.
Als prägnanter Aufruf ist mir leider direkt - zu meinem eigenen Erschrecken - der Slogan “Bild dir deine Meinung” der Bild-Zeitung eingefallen. Man sollte dabei jedoch, im Gegensatz zu der Implikation des Slogans, nicht nur auf eine Informationsquelle zurückgreifen. Denn leider gibt es kein Medium, dem man 100% Vertrauen kann. Will man also hinsichtlich von Informationen auf der sicheren Seite sein, lohnt es sich immer weitere Quellen zu Rate zu ziehen. Und egal wie man sich informiert - an Medien kommt man nie vorbei.Im Guten, wie im Schlechten. Leider!
Was ist eure Meinung zum Thema Schweinegrippe? Seht ihr sie eher als einen Medienhype an oder betrachtet ihr sie als ernsthafte Bedrohung? Wie geht ihr mit Medien um?
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Mai 1st, 2009 at 10:12
Sicherlich ist die Schweinegrippe nicht ungefährlich, aber ob sie wirklich eine Epidemie ausbricht glaube ich kaum. Es wird jetzt halt wieder von den Medien hochgepuscht.
Dass jährlich tausende Menschen in Deutschland an der normalen Grippe streben wird kaum in den Nachrichten erwähnt.
Mai 1st, 2009 at 10:46
@Simon: Ja, es ist natürlich nicht ganz ungefährlich. Aber du hast bereits den Knackpunkt erkannt. Es gibt 1000 Sachen die genauso gefährlich sind beziehungsweise deutlich gefährlicher, über was gar nicht berichtet wird.
In Afrika sterben täglich tausende Menschen und wenn es dann mal ein paar Menschen in der westlichen Hemisphäre dahinrafft ist das natürlich viel schlimmer. Mein Punkt ist: es gibt viel wichtigere Sachen, über die es sich zu berichten lohnen würde.
Mai 1st, 2009 at 11:26
Ich kann Dir in allen Punkten nur zustimmen. Die Medien beeinflussen uns natürlich extrem, dennoch sollte man auch da nicht alles glauben, was geschrieben, erzählt etc.. wird. Dann ist da auch immer noch die Frage, ob das Thema denn zum eigenen Blog passt, oder ob man einen Beitrag zum aktuellen Anlass nur verfasst, um viele Besucher von Suchmaschinen zu bekommen. Ich würde so einen Beitrag auf meinem Blog nie verfassen, wenn das Thema nicht passt (zum Thema des Blogs). Warum? Die Leser bekommen das so oder so zu genügen in den Medien mit, warum sollten sie dann so etwas auch noch auf dem Blog lesen wollen, auf dem sie eigentlich etwas anderes erwarten (anderen Inhalt- zu dem Thema, das sie interessiert).
So sehe ich das Ganze.
Liebe Grüße
Julia
Mai 1st, 2009 at 11:33
@Julia: Das ist ein wichtiger Aspekt
Blog sind meist nur Alternativ-Medien.. das heißt, dass die Leute eher andere Sachen erfahren wollen, als die von denen sie in den anderen Medien sowieso schon überflutet werden.
Mai 2nd, 2009 at 00:29
[...] mehr über das Panikproblem zur Schweinegrippe-Zeit lesen will, kann sich auch vertrauensvoll an Bloxxo.de wenden, die sich näher mit dem American Way of Berichtserstattung befasst [...]
Mai 2nd, 2009 at 10:19
… und das obwohl es sich bei der Schweinegrippe um alles andere als ein neuartiges Virus handelt. Bereits 1976 starteten Medien eine große Propagandaaktion: http://schrempfy.de/index.php/2009/04/28/schweinegrippe-hier-schweinegrippe-da/